Rebsorte: Frühroter Veltliner
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Frühroter Veltliner – ein Schatz, der zu heben ist

Der Frührote Veltliner gehört zu jenen alten österreichischen Rebsorten, deren Geschichte weit über das hinausgeht, was heute in einem Rebsortenverzeichnis zu lesen ist. Hinter ihm steht nicht nur eine selten gewordene Sorte, sondern auch ein traditionsreicher Name: Malvasier.

Dieser Name führt tief hinein in die europäische Sprach-, Wein- und Kulturgeschichte. Gleichzeitig zeigt die Geschichte des Frühroten Veltliners, wie schwierig es oft ist, alte Weinnamen eindeutig einer heutigen Rebsorte zuzuordnen. Über Jahrhunderte wurden Weine und Reben nach Herkunft, Farbe, Reifezeit oder lokalen Gepflogenheiten benannt. Erst die moderne Ampelographie und schließlich genetische Untersuchungen ermöglichten eine eindeutige Zuordnung.

Malvasier – ein Name mit sehr alten sprachlichen Wurzeln

Der Begriff Malvasier begegnet im deutschen Sprachraum bereits im Mittelalter in unterschiedlichen Schreibweisen. Sprachgeschichtlich wird der Name über das italienische Malvasia auf Monemvasia, eine historische Hafen- und Festungsstadt im Südosten des Peloponnes, zurückgeführt.

Von dort aus verbreitete sich die Bezeichnung durch den mittelalterlichen Weinhandel über weite Teile Europas. Besonders venezianische Kaufleute spielten eine wichtige Rolle dabei, Weine unter dem Namen Malvasia bekannt zu machen.

Interessant ist dabei auch die noch ältere sprachgeschichtliche Ebene. Die Bestandteile des griechischen Namens Monemvasia reichen über die Geschichte der griechischen Sprache bis zu indogermanischen Sprachwurzeln zurück. Der heutige Begriff „Malvasier“ ist daher nicht unmittelbar ein indogermanisches Wort. Seine sprachliche Entwicklung führt jedoch über das Griechische weit in die alte indogermanische Sprachgeschichte Europas zurück.

Damit ist die Geschichte des Namens wesentlich älter als die eindeutig belegbare Geschichte jener Rebsorte, die wir heute als Frühroten Veltliner kennen.

Ein großer Weinname reist durch Europa

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war Malvasier keineswegs die eindeutige botanische Bezeichnung einer einzigen Rebsorte.

Der Name entwickelte sich vielmehr zu einer weithin bekannten Bezeichnung für bestimmte Weine und wurde später auf unterschiedliche Rebsorten übertragen. Malvasier galt über lange Zeit als hochwertiger und begehrter Wein und fand sich an Fürstenhöfen ebenso wie in den Handelszentren Europas.

Daraus entstand eine Namensvielfalt, die bis heute für Verwirrung sorgt. In Italien, Kroatien, Griechenland, Spanien und anderen Ländern existieren zahlreiche Sorten mit Namen wie Malvasia, Malvazija oder Malvasier.

Diese Sorten sind jedoch keineswegs alle genetisch miteinander verwandt.

Auch der österreichische Frührote Veltliner wurde über lange Zeit Malvasier genannt. Mit den mediterranen Malvasia-Sorten darf er deshalb aber nicht einfach gleichgesetzt werden. Hinter einem scheinbar gemeinsamen Namen verbergen sich unterschiedliche Rebsorten und unterschiedliche Entwicklungsgeschichten.

Gerade das macht den Frühroten Veltliner historisch besonders interessant: Eine tief in Österreich verwurzelte Rebsorte trägt einen Namen, dessen Geschichte über mittelalterliche Handelswege bis in den östlichen Mittelmeerraum führt.

Die Zeit Karls des Großen und der Weinbau im Donauraum

Auch die Zeit Karls des Großen ist für die Entwicklung des Weinbaus im heutigen österreichischen Raum von Bedeutung.

Ab 791 führte Karl der Große Krieg gegen die Awaren. In den folgenden Jahren wurde deren Herrschaft im Donauraum zurückgedrängt, und gegen Ende des 8. Jahrhunderts entstanden neue politische und wirtschaftliche Strukturen im Osten des Frankenreiches.

Mit der karolingischen Herrschaft gingen auch Reformen in Landwirtschaft und Verwaltung einher. Der Weinbau besaß dabei einen hohen Stellenwert. Weinberge gehörten zu bedeutenden landwirtschaftlichen Gütern, und ihre Bewirtschaftung wurde zunehmend organisiert und geregelt.

Historische Überlieferungen verbinden diese frühe Weinbaugeschichte immer wieder mit alten Weinbezeichnungen wie Malvasier. Eine eindeutige botanische Zuordnung dieser sehr frühen Weine zum heutigen Frühroten Veltliner ist allerdings nicht möglich. Die Rebsorten wurden damals noch nicht mit jener Genauigkeit beschrieben und unterschieden, die heute selbstverständlich ist.

Gerade darin liegt ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis der Geschichte: Ein alter Weinname ist nicht automatisch mit einer heute genetisch definierten Rebsorte gleichzusetzen.

Vom mittelalterlichen Namen zur österreichischen Rebsorte

Über viele Jahrhunderte existierte in Europa keine einheitliche Rebsortensystematik.

Reben wurden nach Aussehen, Beerenfarbe, Reifezeit, Geschmack oder Herkunft bezeichnet. Unterschiedliche Sorten konnten denselben Namen tragen, während eine einzige Sorte von Region zu Region unter vollkommen unterschiedlichen Namen bekannt war.

Erst im 18. und besonders im 19. Jahrhundert begann man, Rebsorten systematischer zu beschreiben und anhand ihrer äußeren Merkmale voneinander zu unterscheiden.

Beim Frühroten Veltliner lässt sich diese Entwicklung besonders gut beobachten.

Bereits um 1777 dürfte die Sorte in ampelographischen Beschreibungen aufscheinen, damals vermutlich noch im Umfeld einer als „Rother Muscateller“ bezeichneten Rebe. Eine wirklich deutlichere Spur findet sich im 19. Jahrhundert.

Im Jahr 1844 wurde die Sorte in der ampelographischen Literatur unter anderem als „Rothe Babotraube“ beschrieben. Gleichzeitig findet sich bereits die Bezeichnung Malvasier.

Daneben existierten im Laufe der Zeit zahlreiche weitere Namen und Schreibweisen. Diese Vielfalt zeigt, wie lange es dauerte, bis sich eine eindeutige Bezeichnung durchsetzte.

Warum heißt die Sorte Frühroter Veltliner?

Der heutige Name beschreibt zwei auffällige Eigenschaften der Rebe.

„Früh“ verweist auf ihre vergleichsweise frühe Reife. Der Frührote Veltliner gehört zu jenen Sorten, die bereits relativ früh im Jahr einen hohen Reifegrad erreichen können.

„Rot“ bezieht sich dagegen auf die Farbe der Beeren. Die reifen Trauben besitzen eine rötliche bis rosafarbene Färbung.

Trotz dieser Beerenfarbe wird aus dem Frühroten Veltliner ein Weißwein erzeugt.

Der Name Veltliner darf dabei nicht zu der Annahme führen, es handle sich einfach um eine frühe Variante des Grünen Veltliners. Frühroter Veltliner und Grüner Veltliner sind eigenständige Rebsorten mit unterschiedlicher genetischer Abstammung.

Die Genetik löst das Rätsel

Was Weinbauern und Ampelographen früher nur anhand von Blättern, Trauben, Beeren und Reifeverhalten untersuchen konnten, lässt sich heute genetisch bestimmen.

Dabei zeigte sich eine besonders bemerkenswerte österreichische Familiengeschichte:

Der Frührote Veltliner ist aus einer natürlichen Kreuzung von Rotem Veltliner und Silvaner entstanden.

Noch spannender wird diese Entdeckung durch eine zweite alte österreichische Rebsorte: den Neuburger.

Auch Neuburger besitzt dieselben Eltern – Roter Veltliner und Silvaner.

Frühroter Veltliner und Neuburger sind damit genetische Geschwister.

Diese Erkenntnis verändert auch den Blick auf den historischen Namen Malvasier. Hinter dem international klingenden Namen verbirgt sich genetisch eine Rebsorte, die tief in der österreichischen Weinbaugeschichte verwurzelt ist.

Eine alte österreichische Rebsorte

Die genetische Abstammung spricht dafür, dass der Frührote Veltliner im österreichischen beziehungsweise unmittelbar angrenzenden mitteleuropäischen Weinbaugebiet entstanden ist.

Besonders der Rote Veltliner spielt in der Geschichte mehrerer österreichischer Rebsorten eine bedeutende Rolle. Zusammen mit dem ebenfalls seit Jahrhunderten in Mitteleuropa kultivierten Silvaner bildet er die genetische Grundlage des Frühroten Veltliners.

Damit treffen bei dieser Sorte zwei vollkommen unterschiedliche historische Ebenen aufeinander:

Auf der einen Seite steht der weit gereiste Name Malvasier, der uns über mittelalterlichen Weinhandel und Griechenland bis in die alte Sprachgeschichte Europas führt.

Auf der anderen Seite steht die Genetik, die eindeutig auf eine mitteleuropäische und besonders österreichisch geprägte Rebsortengeschichte verweist.

Gerade dieser scheinbare Gegensatz macht den Frühroten Veltliner zu einer außergewöhnlichen historischen Rebsorte.

Früh reifend und nicht überall einfach im Anbau

Der Frührote Veltliner bildet vergleichsweise große, oft dichtbeerige Trauben. Die Beeren besitzen bei voller Reife eine charakteristische rötliche Färbung.

Seine frühe Reife war historisch durchaus von Vorteil. Sie ermöglichte eine frühzeitige Lese und machte die Sorte auch in Jahren interessant, in denen spät reifende Reben Schwierigkeiten hatten, vollständig auszureifen.

Die Sorte verlangt jedoch einen geeigneten Standort. Zu nährstoffreiche und sehr wüchsige Böden sind weniger günstig. Gute Ergebnisse können auf eher kargen und steinigen Standorten entstehen, auf denen das Wachstum natürlich begrenzt wird.

Hinzu kommt eine gewisse Frostempfindlichkeit. Auch die dichten Trauben können den Weinbau anspruchsvoller machen.

Vom verbreiteten Wein zur seltenen Rebsorte

Heute zählt der Frührote Veltliner zu den selten gewordenen österreichischen Rebsorten.

Seine Rebfläche ist über Jahrzehnte deutlich zurückgegangen. Zu finden ist er vor allem noch in Niederösterreich, unter anderem im Weinviertel, am Wagram und in der Thermenregion.

Ein Grund für diese Entwicklung liegt auch im Stil der Sorte.

Frühroter Veltliner besitzt traditionell eine eher moderate Säure und einen milden, harmonischen Charakter. In Zeiten, in denen sehr frische, säurebetonte und international leicht vermarktbare Weinstile besonders gefragt waren, gerieten solche Sorten zunehmend in den Hintergrund.

Für viele Winzer war es daher wirtschaftlich einfacher, bekanntere und leichter verkäufliche Rebsorten anzupflanzen.

So verschwand ein Teil der alten Anlagen – und aus einer einst wesentlich bekannteren Sorte wurde nach und nach eine österreichische Weinrarität.

Wie schmeckt Frühroter Veltliner?

Gut gemachter Frühroter Veltliner kann ausgesprochen harmonisch, weich und gleichzeitig charaktervoll sein.

Seine Säure wirkt häufig zurückhaltender als bei vielen anderen österreichischen Weißweinsorten. Dadurch entsteht ein runder und angenehmer Gesamteindruck.

Im Aroma können sich gelber Apfel, Birne, Quitte und feine Zitrusnoten zeigen. Dazu kommen je nach Herkunft und Ausbau florale und würzige Nuancen.

Besonders charakteristisch können nussige und mandelartige Noten sein. Gerade diese feine Mandelaromatik verleiht dem Frühroten Veltliner eine interessante Eigenständigkeit.

Bei reiferen oder kräftiger ausgebauten Weinen können zusätzlich Kräuter, Gewürze und dezente exotische Fruchtanklänge auftreten.

Die Stärke des Frühroten Veltliners liegt nicht in übertriebener Aromatik, sondern in Harmonie, Textur, Würze und einem eigenständigen Geschmacksbild.

Zu welchem Essen passt Frühroter Veltliner?

Durch seine moderate Säure und seine harmonische Art ist der Frührote Veltliner ein vielseitiger Speisenbegleiter.

Er passt besonders gut zu Geflügel, Kalbfleisch, gebratenem oder gedünstetem Fisch, Gemüsegerichten, Spargel, Pilzen und mildem Käse. Auch zur klassischen österreichischen Küche kann er hervorragend funktionieren.

Seine fein nussigen und mandelartigen Noten harmonieren besonders schön mit Gerichten, bei denen die Würze nicht von kräftiger Schärfe oder sehr intensiven Saucen überdeckt wird.

Frühroter Veltliner – österreichische Weingeschichte im Glas

Kaum eine andere Rebsorte verbindet so viele unterschiedliche historische Ebenen miteinander.

Der alte Name Malvasier führt über mittelalterliche Handelswege nach Griechenland und sprachgeschichtlich weiter zurück bis zu indogermanischen Wurzeln. Seine österreichische Geschichte führt durch Jahrhunderte wechselnder Rebsortennamen und früher ampelographischer Beschreibungen.

Und schließlich ermöglicht die moderne Genetik eine Erkenntnis, die frühere Generationen von Weinbauern nicht haben konnten: Frühroter Veltliner ist ein natürliches Kind von Rotem Veltliner und Silvaner – und das genetische Geschwister des Neuburgers.

Aus einer früher bekannten Sorte ist heute eine Rarität geworden.

Der Frührote Veltliner ist damit weit mehr als nur eine seltene Rebsorte. Er ist ein Stück europäische Sprachgeschichte, österreichische Weinbaugeschichte und eine beinahe vergessene Weinrarität.

Ein Schatz, der zu heben ist.

Der Wein zeichnet sich durch geringere Säurewerte aus und ist ein harmonisches angenehmes und wunderbares Weinerlebnis mit Mandelaromatik. Leider aber verständlich wenn ein Weintyp außerhalb des Trends liegt, ist er sehr schwer verkäuflich. Somit ist er für die meisten Winzer keine Mühe wert.